Nein, natürlich weiß ich seinen Namen nicht mehr. Wie auch. Es ist ja schon wieder so lange her, dass ich in Nicaragua war. Fünf Jahr bestimmt. Aber Namen sind nicht immer wichtig. Vor allem dann, wenn Menschen jene Eigenschaften haben, die mir besonders imponieren. Anstand, Ausstrahlung, Haltung. Das ist wichtig und in diesen seltsamen Zeiten, in denen wir gerade leben, wichtiger denn je. Es muss, ja es darf nicht mehr immer nur alles um jeden Preis gemacht werden und nur zum eigenen Vorteil gereichen. Ein Miteinander wird künftig noch viel wichtiger werden als je zuvor und eine entsprechende Haltung, Anstand und Moral werden dann die Säulen sein, auf denen unsere wankende Gesellschaft wieder ein wenig Halt finden müssen wird. Aber ich schweife ab…

IGLESIA DE LA MERCED

Kenner wissen wohl längst, wo der junge Mann steht. Auf dem Kirchturm der Iglesia de la Merced in Granada, Nicaragua. Es ist jener Turm, von dem man das weitaus berühmtere Bild schießt, nämlich das von der Catedral de Granada macht, und zwar vorzugsweise dann, wenn die Abendsonne die gelbe Fassade der Kathedrale ganz besonders zum Leuchten bringt. Das Foto kommt vielleicht auch noch, aber nicht heute. Von der Iglesia de la Merced hat man ganz nebenbei aber einen ganz wunderbaren Blick über das kleine Kolonialstädtchen, das in gut einer Stunde Fahrtzeit von Managua aus Richtung Süden zu erreichen ist. Es ist eine kleine Perle von Stadt, die Bewohner nennen sie hier nicht umsonst die „fette Rosine“, aber Perle am Ufer des Nicaragua-Sees und dazu am Fuße des Volkans Mombacho, klingt einfach stimmiger.

MAGISCHER MOMENT

Wie der Glockenmann. Er hat mich den Turm hinaufbegleitet, mit mir gescherzt und gelacht, wurde dann aber auf einmal sehr ernst, als die zu schlagende Stunde gekommen war. Erst murmelte er ein schnelles Gebet, dann ging er an die zwei Glockenseile und was danach kommt, ist pure Magie. Als wäre er selbst am Schnürchen gezogen, choreographierte er sich durch das Abendgeläut. Schweißperlen auf der Stirn, die sich alsbald den Weg nach unten Bahnen. Das T-Shirt fleckig. Alles Nebensache. Zwei Minuten hat es gedauert und der junge Mann schwang mit den Gewichten der Glocken hin und her, bis er sich selbst in eine Art Trance versetzte.

Er geleitete mich wieder hinunter durch den Turm und die Kirche. Wir verloren kein Wort.

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